Steak vs. Salat – warum unser Geschlecht Einfluss auf unser Essverhalten hat

Wenn wir an geschlechterspezifisches Essen denken, kommen uns alte Rollenbilder in den Sinn. Der Mann steht am Grill, während die Frau für die Beilagen zuständig ist. Oder denken Sie an folgende Lebensmittel, welchem Geschlecht würden Sie sie zuordnen? Bier vs. Karamell-Macchiato, Müsli vs. Eier mit Speck und Schweinebraten vs. Gemüsepfanne – ganz klar, wir alle haben auch bezüglich unserer Nahrung Geschlechterklischees im Kopf.

Tatsächlich, das beweisen zahlreiche Studien, unterscheidet sich das Essverhalten von Frauen und Männern erheblich. Frauen neigen eher dazu auf ihre Ernährung zu achten, essen durchschnittlich mehr Gemüse und sind auch was die Variation des Speiseplans angeht, Männern weit voraus. Männer hingegen essen fast doppelt so viel Fleisch und Wurst wie Frauen, nur halb so viele Männer wie Frauen sind Vegetarier und sie trinken deutlich mehr Bier und limonadenhaltige Getränke wie Frauen. Da stellt sich die Frage, woher diese Unterschiede rühren – sind sie genetisch in uns verankert oder geprägt von gesellschaftlichen Faktoren?

Ein Hauch von Steinzeit in der Moderne

Fragt man Biologen nach geschlechterspezifischen Unterschieden zwischen Männern und Frauen, schauen diese gerne in die Vergangenheit. Über viele Jahrtausende lebten Homo sapiens als Jäger und Sammler in klarer Arbeitsaufteilung. Damals waren Männer für das Fleisch, Frauen für Beeren, Wurzeln und die Kinderbetreuung zuständig. Ob diese Rollenaufteilung schließlich dazu führte, dass Männer lieber Fleisch essen, ist jedoch reine Spekulation. Vielleicht mochten Männer auch vorher schon lieber Fleisch als Frauen.

Um der Evolution weiter auf den Grund zu gehen, untersuchten Forscher heute noch traditionell lebende Völker. Die Untersuchungen ergaben, dass z.B. die Hazda aus Tansania auch geschlechterspezifische Nahrungsvorlieben haben. Auf die Frage nach ihren liebsten Lebensmitteln, stellten beide Geschlechter Honig an die erste Stelle. Bei den Männern folgte danach Fleisch, dann Wurzeln und Beeren. Frauen hingegen stellen Wurzeln und Beeren dem Fleisch voraus. Die Anthropologin Colette Berbesque von der Roehampton University in London hat dafür mehrere Erklärungen. Zum einen führt sie die Unterschiede auf evolutionäre Gründe zurück. Frauen setzten demnach mehr auf Wurzeln und Beeren in ihrer Ernährung, da diese, im Gegensatz zu Fleisch, verlässlich ergiebig sind. Eine zuverlässige Nahrungsquelle ist für Frauen besonders wichtig, um ihre Fettzellen, die maßgeblich zur Fruchtbarkeit beitragen, erhalten und um ihre Kinder zuverlässig versorgen zu können. Zum anderen führt Berbesque physiologische Erklärungen an. Männer sind im Durchschnitt größer und besitzen mehr Muskelmasse als Frauen und benötigen dadurch auch mehr Kilokalorien pro Tag, rund 2500. Frauen auf der anderen Seite brauchen nur rund 2000 Kalorien, besitzen aber trotzdem einen wesentlich höheren Fettanteil, als Männer. Frauen sind also hocheffiziente Fettspeicher und müssen dies auch sein, damit sie selbst in widrigen Situationen trotzdem Kinder gebären können. Das erklärt auch, warum Frauen ihre tägliche Kalorienzufuhr stärker reduzieren müssen als Männer, um abzunehmen. Auf der anderen Seite stecken Frauen somit Hunger besser weg, als Männer – das konnten Sie im Ihrem Alltag bestimmt auch schon beobachten.

Papa sagt: Fleisch macht groß und stark!

Was wir essen hat insbesondere auch kulturelle Aspekte. Ist in anderen Kulturen z.B. ein Affenhirn eine Delikatesse, würden hierzulande die meisten Menschen allein bei dem Gedanken daran wohl schon schreiend davonlaufen. Da liegt der Gedanke nahe, dass kulturelle bzw. gesellschaftlich Einflüsse auch unsere Essgewohnheiten mitbestimmen. Soziologen nennen das „Gender-doing“. Die Wissenschaftler beteuern, dass wir, kulturell gesehen, nicht als Mann oder Frau geboren werden, sondern im Laufe unseres Lebens erst dahingehend erzogen bzw. dazu gemacht werden. Demnach sind unsere Vorlieben beim Essen auch antrainiert.

Jungs wird schon früh in ihrer Kindheit gesagt, dass Fleisch groß und stark macht. Zurückzuführen ist dies, laut der Soziologin Christine Brombach von der Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften, auf die ursprüngliche Rollenverteilung von Männern und Frauen in Jäger und Sammler. Die Geschichte zeigt zudem, dass Fleisch in fast allen Kulturen der Welt, als kostbar gilt und untrennbar mit Männlichkeit verbunden ist. Auch im Essverhalten von Männern lassen sich große Unterschiede zu dem der Frauen feststellen. Männer essen größere Portionen, beißen herzhaft zu und kauen schneller und kraftvoller.

Frauen hingegen nehmen ihre Nahrung langsamer und in kleineren Portionen zu sich. Zudem unterscheidet sich typisch weibliches Essen auch oft in seiner Beschaffenheit. Frauen mögen es weich und gesund, sodass auf ihrem Speiseplan öfter Gemüse, Quark und Fisch zu finden ist, als bei Männern. Eine Studie bestätigte diese Essgewohnheiten bei Frauen in 23 Ländern. Frauen essen weniger Fett und mehr Ballaststoffe als Männer. Die Soziologin Brombach führt das auf die Globalisierung und dem somit sich immer stärker annähernden Schönheitsideal in allen Kulturen zurück. Frauen auf der ganzen Welt wollen schlank sein. Der größere Fokus auf fettarme Ernährung kann zunächst gesund sein, Beobachtungen der Soziologin stellen aber auch fest, dass der gesellschaftliche Druck, dem besonders junge Frauen ausgesetzt sind, auch zur Folge hat, dass Frauen öfter an Essstörungen erkranken.

Ob nun biologische oder kulturelle Gründe eher dafür verantwortlich sind, dass Frauen und Männer unterschiedlich essen, ist nicht beweisbar. Sicher ist nur, dass wir von beiden Aspekten beeinflusst werden. Da der Trend heutzutage aber immer weiter in Richtung „gesund und nachhaltig“ geht, könnten sich diese Geschlechterklischees in Zukunft auflösen. Wer weiß, vielleicht erzählen unsere Enkel ihren Söhnen nicht mehr, dass Fleisch, sondern Gemüse und Tofu groß und stark macht.