Prokrastination – Fluch oder Segen?

Heute fange ich an! Und dann kommen – natürlich total unvorhersehbar – die Wäsche, der Staub und der unaufgeräumte Kleiderschrank dazwischen. Schade eigentlich, sonst hätte man seine Aufgabe ja erledigen können. Naja, dann mach ich’s eben morgen. Dieses Phänomen kennen die meisten Menschen, es nennt sich Prokrastination. Um disziplinierter zu werden, kann man heutzutage an jeder Ecke einen anderen Ratgeber erwerben, um das Laster abzulegen. Sich das Prokrastinieren komplett abzugewöhnen ist aber quasi unmöglich. Vielleicht sollte man den Spieß einfach einmal umdrehen: wie wäre es, wenn man sich Prokrastination zu Nutze machen könnte?

Der Vater der Prokrastination: Prof. John Perry

Der Philosophieprofessor John Perry aus Stanford teilt unser Problem. Er schiebt seine Pflichten vor sich her. Sein ganzes Leben lang fühlt er sich schon schuldig deswegen, so wird es uns ja auch beigebracht. Als er 1995 sich wieder einmal vor einer Pflicht drücken wollte, schrieb er ein Essay über Prokrastination. In Structured Procrastination beschreibt er, wie man sich Aufschieberitis zu Nutzen machen kann. 2012 veröffentlicht er die Fortsetzung in Form eines Buches mit dem Titel The Art Of Procrastination: A Guide To Effective Dawdling, Dallying, Lollygagging And Postponing, was so viel bedeutet wie “Die Kunst des Prokrastinierens: Eine Anleitung für effektives Bummeln, Trödeln, Rumhängen und Aufschieben“. Sie ahnen schon, wohin das führt. Genau, Prokrastination kann uns sogar effektiver machen!

Wie man Prokrastination nutzt, um effektiver zu werden

John Perry erklärt in seinem Buch, dass wir keine rationalen Menschen sind, die Dinge systematisch abarbeiten. Wir arbeiten an den Dingen, die uns mitreißen, die wir spannend finden und die uns stimulieren. Ob wir etwas spannend finden ist eine Frage der Wahrnehmung. Außerdem behauptet er, dass gerade die Liegenlasser und Aufschieber in Wahrheit sehr viel schaffen. Warum? Gerade weil sie alles vertrödeln und tausend andere Dinge finden, die sie stattdessen erledigen können. Perry erklärt das an einem Beispiel:

„Wer hat wohl das Rad erfunden? Jemand, dessen Mutter sagte: ‚Geh und erfinde das Rad!’? Nein. Vielleicht sagte die: ‚Geh raus und schaffe das Zeug da rüber.’. Und er dachte sich: ‚Das muss doch auch einfacher gehen.’. Er prokrastinierte also, und erfand das Rad. Beim Feuer liefs vielleicht nicht ganz so, aber beim Rad bin ich mir sicher. Prokrastination gehört meines Erachtens zu den wichtigsten Motoren des menschlichen Fortschritts.“

Was bedeutet das für uns?

Na dann müssen wir uns ja in Zukunft keine Sorgen mehr machen, wenn wir prokrastinieren. Hey, vielleicht erfinden wir das Rad? Aber Spaß beiseite, Prokrastination kann uns tatsächlich produktiver machen. Das Zauberwort heißt strukturierte Prokrastination. Diese geht in ihrem Ursprung auf unseren inneren Drang zu rebellieren zurück. Denn wenn wir prokrastinieren, rebellieren wir gegen die uns auferlegten Pflichten. Wir wollen sie einfach nicht erledigen, ohne jeglichen rationalen Grund. Perry sagt, man könne ihm zwar vorschreiben, was er zu tun hätte, aber nicht wann. Und wenn er nun einmal seine Vorlesung an der Universität erst eine Stunde vorher vorbereiten möchte, dann macht er das auch so. Strukturierte Prokrastination verwandelt also unsere Rebellion in Produktivität. Im Ergebnis macht das keinen Unterschied. Erledigt ist erledigt.