Einmal Nachhaltigkeit zum Mitnehmen, bitte!

Überall sprießen sie aus der Erde: die kleinen, süßen Tante-Emma-Läden voll mit, in der Hinterhofwerkstatt (natürlich!) mit Handarbeit und viel Liebe hergestellten, Wollpullover, Schokoladentäfelchen und Notizbüchlein aus (selbstverständlich!) recyceltem Papier. Schön, sollte man denken, denn schließlich wissen wir alle um die extrem schlechten Arbeitsbedingungen, unter denen die Menschen arbeiten müssen, die unsere Kleidung von den großen Modeketten, herstellen. Dennoch ist das mit der Nachhaltigkeit To-Go mit Vorsicht zu genießen…

Back to the roots: handgemacht und regional

Schon in unserer Kindheit wird uns beigebracht, dass Qualität nun mal seinen Preis hat. Wir wachsen also mit der Selbstverständlichkeit auf, dass wir für handgefertigte, lokale Ware einen höheren Preis zahlen. Ist ja auch in Ordnung und natürlich gibt es nichts dagegen zu sagen, Produkte von regionalen Herstellen statt von großen Ketten, die die Regenwälder abholzen, der heimischen Bevölkerung das Wasser stehlen und ihre Mitarbeiter ausbeuten, zu kaufen. Die Unterstützung ortansässiger, traditionsreicher Betriebe ist sogar extrem wichtig, um diese vor dem Aussterben zu bewahren. Bei Lebensmitteln macht es offensichtlich auch mehr Sinn, regionale und saisonale Produkte statt die importierte Mango aus Südamerika zu erwerben. Das wissen wir schon lange.

Dennoch ist in letzter Zeit ein seltsamer Trend erkennbar. Einfach alles, das regional und fair produziert wird, gilt automatisch als „gut, wertvoll und nachhaltig“. Die handgewebten Hausschuhe aus der Hinterhofwerkstatt gibt uns das Gefühl, etwas Gutes erworben zu haben. Und das Label, auf dem „Bio-Baumwolle“ prangt, kann sich im hippen, veganen Café nebenan definitiv sehen lassen. Das wiederum vermittelt uns ein Gefühl der Zugehörigkeit zu eben jenen Menschen, die was auf sich halten und deshalb großen Wert auf grüne Produkte legen. Dazuzugehören war schon immer eines der wichtigsten menschlichen Bedürfnisse. Das bewies schon der französische Psychologe Pierre Bourdieu in seinen Studien. Menschen wenden demnach extrem viel Energie auf, um sich über kleine Zeichen, kulturelle Vorlieben und Konsumentenentscheidungen die Zugehörigkeit zu einem gewissen Milieu für jedermann sichtbar zu machen. Und dafür muss es eben die Schokolade aus der ortsansässigen Manufaktur sein.

Die Zukunft klopft an die Tür

Alle Menschen, die lieber regional und fair produzierte Produkte kaufen, machen viel richtig. Das muss an dieser Stelle noch einmal betont werden. Dennoch müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass wir im 21. Jahrhundert leben und keiner von uns auf topmoderne, sicherlich nicht in der regionalen Werkstatt von Hand produzierte, Geräte verzichten kann. Ok, außer wir ziehen aufs Land und leben nach dem Selbstversorgerprinzip mit Gemüsebeet im Garten. Alle anderen sind auf elektronische Geräte, wie Handy und Laptop angewiesen, um in der modernen Gesellschaft bestehen zu können. Was glauben Sie, worauf ich gerade diesen Artikel schreibe? Sicher nicht auf einer Schreibmaschine. Aber auch, wenn wir nicht beruflich auf technische Geräte angewiesen sind, zuhause möchte sie bestimmt auch niemand mehr missen. Ein Leben ohne Waschmaschine, Kühlschrank und Toaster ist für uns unvorstellbar. Und ja, auch diese Haushaltshelfer werden nicht in der Manufaktur nebenan hergestellt.

Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass bereits heute theoretisch schon 79 Prozent der manuellen Produktion von Robotern ausgeführt werden könnte. Da der technische Fortschritt niemals stoppt, wird die zunehmende Automatisierung den Trend zum Handgemachten dann doch verdrängen. Muss man also resignieren und ist das mit der Nachhaltigkeit alles Quatsch? Nein, definitiv nicht. Die leicht verbeulten Äpfel aus dem Bioladen von nebenan, die aus der Region stammen, sind weiterhin eine bessere Wahl, als die Bananen vom Discounter. Aber zu glauben, dass man mit der handgerührten Schokolade aus der Hinterhofmanufaktur die Welt retten kann, diesen Zahn muss ich Ihnen leider ziehen.